So wirkt Viagra wirklich


Viagra ist in wenigen Jahren zur beliebtesten Potenzpille der Erde geworden. Wir wollten wissen, was sich hinter diesem Erfolg verbirgt

Da liegt sie vor mir. Eine kleine blaue Pille, die mein heuiges Date mit Natalie in ein sexuelles Spektakel verwandeln soll: Viagra. Ich bin 32 Jahre alt, sportlich und gesund. Mit Erektionsstörungen hatte ich bislang noch nie zu kämpfen. Doch Neugierde darauf, was passiert und wie es sich anfühlt, eine Viagra zu testen, spukt seit einiger Zeit in meinem Kopf herum. Außerdem: Ein wenig Tuning in der Leistengegend kann bei einem Date nicht schaden - denke ich.
An eine Packung Viagra zu kommen, war ganz leicht. Vor zwei Tagen hatte ich einen Termin bei meinem Urologen. Er ist ein konservativer 60-jähriger Hanseat mit grauen Schläfen und dicker Stressfalte über der Nase. Nach meiner üblichen Routine-Untersuchung fragte ich ihn ganz direkt, ob er mir Viagra verschreiben könne. Er schmunzelte, blickte mich etwas skeptisch über den Rand seiner Lesebrille an und fragte mich nach meinen Gründen. Aus Neugierde, antwortete ich.
Nach einer Blutuntersuchung und einem kurzen Beratungsgespräch stellt er mir das Rezept aus. „Ich verschreibe ihnen vier Pillen ä 100 mg -nehmen Sie bitte zunächst nur eine halbe Tablette ein,” sagt mein Doktor. Das war es auch schon.
Der Apothekerin, bei der ich mein Viagra kaufe, scheint Mitleid mit mir zu haben. Sie legt mein Rezept und die blau-weiße Packung extra verkehrt herum auf den Tresen, damit die anderen Kunden nicht merken, was ich hier kaufe. 52 Euro und 33 Cent zahle ich für vier 100-Milli-gramm-Tabletten Viagra.

DIE APOTHEKERIN LEGT MEIN REZEPT EXTRA VERKEHRT HERUM AUF DEN TRESEN

Dann treffe ich Natalie in der Junior-Suite des Hamburger Hyatt-Hotels. Vor drei Wochen habe ich die 22-jährige Studentin in einem Hamburger Club kennen gelernt. Sie ist brünett, hübsch und will genau das Gleiche wie ich: einfach nur Sex. Und das kann sie besonders gut.
Es ist Zeit für die Pille. Wie empfohlen, breche ich eine der blauen Tabletten in der Mitte durch. Von innen ist sie weiß und porös. Ich spüle die Hälfte mit einem Glas Wasser herunter. Es bleibt ein bitterer Geschmack auf der Zunge und die Hoffnung, dass Viagra hält, was es verspricht. Irgendwie erwarte ich, dass jetzt sofort etwas passieren wird. Tut es aber nicht.
Auf dem Beipackzettel steht, dass sich der Viagra-Wirkstoff Sildenafil nach etwa 45 Minuten entfaltet. Wirkungsdauer: vier bis fünf Stunden. Dann sollte ich mich jetzt beeilen, denn an einem Freitagabend brauche ich zum Hotel locker eine halbe Stunde und ich möchte auf keinen Fall mit einer Erektion einchecken. Vielleicht liegt es daran, dass ich

MICH ÜBERKOMMT EIN GEFÜHL WIE NACH EINEM 100-METER-LAUF

nichts zu Abend gegessen habe, denn schon nach etwa 20 Minuten spüre ich etwas. Allerdings nicht in meinem Unterleib, sondern viel weiter oben - in meinem Kopf.
Blut steigt mir ins Gesicht. Mein Schädel beginnt zu dröhnen - nicht dramatisch, aber sehr ungewohnt. Es ist ein Gefühl wie nach einem 100-Meter-Sprint. Das Blut pulsiert spürbar im ganzen Körper. Meine Wangen werden heiß und die Augen brennen leicht. So als hätte ich die ganze Nacht vor dem Fernseher gehockt.
Beim Einchecken im Hotel fühle ich mich seltsam beobachtet. Irgendwie habe ich das ungute Gefühl, jeder könnte mir sofort ansehen, was ich gerade geschluckt habe. Im Spiegel hinter der Rezeption betrachte ich mein rotes Gesicht. Das sieht gar nicht gut aus.
Ich bekomme Zimmer 322. Natalie ist noch nicht da. Ich schicke ihr eine SMS mit der Zimmernummer und öffne die Minibar. Whiskey scheint mir die richtige Wahl, um mich zu entspannen. Denn ehrlich:
nach Sex fühle ich mich gerade nicht. Und von einer Erektion bin ich so weit entfernt wie Nordkorea von der Einführung der Demokratie
Es klopft an der Tür. Es ist Natalie. Ich habe ihr natürlich nicht erzählt, dass ich heute als Viagra-Tester antrete. Dazu komme ich aber sowieso nicht mehr. Denn kaum habe ich die Zimmertür hinter ihr geschlossen, umarmt sie mich und wir beginnen uns zu küssen.

EINE KLEINE BERÜHRUNG UND DIE LUST KOMMT MIT VOLLER WUCHT ZURÜCK

Mein Unterleib entwickelt eine bisher unbekannte Eigendynamik. Während mein Kopf noch zu 99 Prozent mit den Nebenwirkungen der blauen Pille beschäftigt ist, genügt das übrige Hundertstel, um mir eine Erektion zu verpassen, die in ihrer Härte schon fast unangenehm ist. „Na dann”, denke ich und entspanne mich das erste Mal, seit ich meine halbe Viagra runtergespült habe. Die Nebenwirkungen der Pille sind vergessen. Stattdessen bin ich gespannt auf das, was jetzt kommt, und beginne die Sache zu genießen.
So schnell die Hitzewallungen und das Augenbrennen vergessen sind, so lang lässt der Orgasmus auf sich warten. Ich fühle mich bereit, das gesamte Kamasutra heute Nacht durchzuspielen. Das tun Natalie und ich dann auch. Nach zwei Stunden fallen wir beide erschöpft auf das Bett.
Ich liebe das Gefühl, meine Aufgabe zufriedenstellend erledigt zu haben und greife zu meinen Gauloises. Jetzt noch ein bisschen Kuscheln, Reden, Fernsehen und der Abend ist perfekt.
Doch bevor ich den letzten Zug an meiner Zigarette getan habe, meldet sich mein gedopter Körper zurück. Eine kleine Berührung von Natalies Körper an meinem reicht aus und die Lust, die sich gerade aus meinem Unterleib verabschiedet hatte, strömt mit voller Wucht zurück.
Ein seltsames Gefühl, denn Viagra stimuliert ja nicht sexuell. Es erzeugt keine Gefühle wie eine Droge. Es funktioniert rein körperlich. Aber allein die Tatsache, dass die Pille mich offensichtlich befähigt, selbst nach zweistündigem Sex sofort wieder bereit zu sein, macht mir Lust auf mehr. „Na dann”, denke ich zum zweiten und nicht zum letzten Mal an diesem Abend.